Leseliste 2024

Vor 4 Jahren nahm ich mir etwas vor, dass ich noch nie getan hatte. Inspiriert durch den Film Equalizer, in dem Denzel Washington über seine Frau erzählt, die eine Liste mit 100 Bürgern lesen wollte, es jedoch nicht geschafft hatte, weswegen er sie nun las, nahm ich mir damals etwas Ähnliches vor.
Ich wollte pro Monat ein Buch lesen, also 12 Bücher im Jahr. Das erschien mir sehr viel, weil ich eine ziemlich langsame Leserin bin.
Die Auswahl fiel mir erstaunlich einfach. Normalerweise las ich damals nur Sachbücher und garkeine Belletristik, deshalb war mir wichtig, für dieses Projekt den Fokus zu verändern. Ich schrieb zunächst all die Bücher auf die ich schon immer mal lesen wollte und Bücher, von denen ich wusste, dass sie die Vorlage für Filme waren.


Jahresbücherliste 2020


JanuarDie Hexe von Portobello von Paulo Coelho
FebruarLullaby von Chuck Palahniuk
MärzIm Hexenhaus von Alice Hoffman
April Meine geniale Freundin von Elena Ferrante
MaiDas Lächeln der Sterne von Nicholas Sparks
Juni Der Report der Magd von Margaret Atwood
JuliDie Sonne der Toscana von Frances Mayes
AugustHausbesuche von Stephanie Quitterer
SeptemberGute Geister von Kathryn Stockett
OkotberAnleitung für Schweden von Antje R. Strubel
NovemberDem Zauber verfallen von Barbara Michaels
DezemberDie Dorfhexe von Linda Olsson, Almuth Carstens

Dieses Jahr begann anders. Da ich 2023 einen VHS Kurs zum Thema autobiographisches Schreiben begonnen hatte und nach wie vor buchte, war der Fokus ein anderer. Nachdem ich 2020 erst so richtig begonnen hatte Belletristik zu lesen, galt nun die Herausforderung für mich, autobiographische Werke zu finden, die mich interessieren, doch auch da verselbstständigte sich meine Liste von ganz alleine und am Ende beschäftigte ich mich mit einem sehr einschlägigen Thema, das wohl aus guten Grund zu mir kam.

Jahresbücherliste 2024

Der Blumensammler – David Whitehouse
Birdgirl – Mya-Rose Craig
Der Salzpfad – Raynor Winn
Das große Los – Meike Winnemuth
aWay – Nicola Debska
Mama lernt fliegenJulia Herz (die Autorin kenne ich ❤️)
Was ihr wollt – Friedemann Karig
Ich bin kein Sexist, aber… – Mithu M. Sanyal, Jasna L. Strick, Yasmin Banaszczuk
Porno – Medita Oeming
Untenrum frei – Margarete Stokowski
Against white feminism – Rafia Zakaria
Radikale Zärtlichkeit – Şeyda Kurt
Das Patriarchat der Dinge – Rebekka Endler
Im Wald baden – Jörg Meier
Was Pflanzen wissen – Daniel Chamovitz
Wilde Stille – Raynor Winn
Sexuell verfügbar – Caroline Rosales
Finde Dich gut, sonst findet dich keiner – Paula Lambert
Die Mitternachtsbibliothek – Matt Haig
Weise Frauen – Miriam Stein
Dirty Diana – Das Erwachen – Jen Besser, Shana Feste


Hörbuch
Beklaute Frauen – Leonie Schöler


Wie deutlich zu sehen ist, bin ich in der Lage, mehr als ein Buch im Monat zu lesen. Es hat mir eine riesen Freude gemacht, diese Bücherwelt zu entdecken und mich in den Sog der Thematik einfangen zu lassen. Es hat sich im Grunde völlig verselbstständigt. Ein Buch führte mich zum nächsten und das ohne weiteres Zutun. Von der lockeren Liste, die ich mir zu Beginn des Jahres gemacht hatte, habe ich, glaube ich, nur 3 Bücher gelesen und beim Rest habe ich mich leiten lassen.

Mein Resümee unter meinem Bücherjahr 2024 ist ein durchweg positives! Ich habe zu 98 % verdammt gute Bücher gelesen, die mich wachgerüttelt haben und mich genau da abgeholt haben, wo ich selbst im Leben gerade stand. Das muss das Gesetz der Anziehung sein, sonst kann ich mir nicht erklären, mit was für einer Magie die Liste begann ein Eigenleben zu entwickeln. Jedes Buch ging fast wie nahtlos in das nächste über.

Ich freue mich bereits über die meine Liste in 2025, die ich bereits mit einem gelesenen Buch beginnen kann.

Was liest Du in 2025?

Geburstagsausladung

Es ist Juni 2021 und so langsam nähert sich der Geburtstag von Gianna. Es ist der erste Geburtstag den ich dann miterleben darf. Ich bin schon sehr aufgeregt bei dem Gedanken an die Geburtstagsfeier und frage mich, was ich mich mit der Ex-Frau und ihren Eltern unterhalten soll. Gianna kommt auf mich zu und lädt mich zu. Sehr früh, immerhin sind es noch 3 Monate bis zu ihrem Geburtstag, aber sie freut sich so sehr drauf und verrät mir schon jetzt, dass sie mich gerne dabei haben möchte. Ich teile ihr auch meine Freude mit und glücklich, dass sie mich dabei haben möchte. 

Der große Tag rückt näher. Sie hat mir zwischenzeitlich immer wieder am Papawochenende ihren Wunsch mitgeteilt, dass sie mich gerne einladen möchte und dann kommt die Nachricht. Sie hat den Mut es mir selbst zu sagen: „Du, es wäre gut, wenn du doch nicht kommt. Weißt du, wie würden es denn Oma und Opa finden, wenn du mit Papa Händchen hälst und dich vor ihnen küsst. Oma und Opa würden das bestimmt nicht gut finden. Ihr fummelt so viel rum. Und idi musst verstehen, dass ist ja Muttis Haus.“

Interessant. Über was sich so eine 8-Jährige Gedanken macht. Oma und Opa hat sie bis jetzt nie erwähnt. Sie hat mich total glücklich immer wieder zu ihrem Geburtstag eingeladen – bis jetzt, bis 2 Wochen vor dem Tag…wo das wohl herkommt, dieser plötzliche Gedanke um das Wohlergehen der Großeltern an ihrem Geburtstag?! Und was bitte hat Muttis Haus damit zu tun?

Ich frage nach: „Aber was hat denn Muttis Haus mit deinem Geburtstag zu tun? Ich möchte dich doch nur zu deinem Geburtstag besuchen. Ich möchte nicht das Haus, sondern dir gratulieren.“ 

„Ja aber Mutti hat gesagt, dass das ihr Haus ist!“

Als sie mir das mitteilt bleibe ich ruhig. Ich drücke ihr mein Verständnis aus, hege aber innerlich einen Haufen Emotionen, die von Trauer, Enttäuschung, Wut und Erleichterung eine Klaviatur verschiedenster Töne durchspielt. Gianna mache ich dabei überhaupt keinen Vorwurf. Ich weiß ganz genau, dass sie sich von Herzen gewünscht hat, mich als ihren gast begrüßen zu dürfen. Wer mich nicht in der Runde dabei haben möchte ist Frau Mutter. Da werden dann ganz schnell Gründe gefunden, wie Oma und Opas Wohlbefinden beim Anblick der Neuen, wie sie den Vater der Kinder berührt. Und ganz dichter Grund ist natürlich das Haus. Als sei ich ein Vampir, den, wenn man ihn einmal ins Haus gelassen hat, immer wieder eintreten kann. 

Wenn diese Ausladung das einzige gewesen wäre, dann wäre das ja noch respektierter gewesen, doch den Vogel hat Catlyn abgeschossen, indem ihr eigener Freund, den sie zu dem Zeitpunkt hatte als Gast der Geburtstagsparty am Tisch saß. Das heißt, ihr Freund durfte am Tisch sitzen, das konnten die Großeltern verkraften, wann sie ihn mal gestreichelt hätte und das Haus hat ihn auch reingelassen. Aber ich, die Freundin des Vaters der Kinder, durfte nicht an dem heiligen Geburtstagstisch sitzen. 

DAS HAT GESESSEN! 

Meine Emotionen verlagerten sich nachdem ich diese Information erhalten hatte sehr stark in Richtung Wut und die Klaviatur an Tönen wurde nun sehr monoton. 

Im darauffolgenden Jahr – Catlyn war bereits wieder Single – lud mich Gianna auch wieder Monate zuvor zu ihrem Geburtstag ein. Auch diesen Tag sollte ich nicht als Mitglied der Gemeinschaft mitfeiern dürfen. 

Anfang diesen Jahres, als die Mädchen noch ein mal hier waren, bevor wir sie Monate land nicht mehr zu Gesicht bekamen, kuschelte sich Gianna morgens zu uns ins Bett und quatschte mit uns. Irgendwann kam sie zu ihrem Geburtstag und fragte mich, ob ich mich an ihre eine Freundin erinnerte, die auch da gewesen sei. Ich antwortete ihr, dass ich noch nie auf einem ihrer Geburtstage gewesen sei. Sie erschrak und stellte meine Aussage in frage. Ich beschwor, noch nie auf einem ihrer Geburtstagsfeiern gewesen zu sein. Daraufhin sagte sie: „Na dann wird es ja mal Zeit!“ 

Ich war bis heute nicht auf einem Geburtstag. 

Mal abgesehen davon, dass ich es hoch interessant finde, wie das Erinnerungsvermögen von Kindern funktioniert, bin ich fassungslos über die Botschaft, die hinter dieser verschmähenden Ausladung mir gegenüber bei den Kindern ankommt. 

Kann die Freundin des Vaters wirklich in Ordnung sein, wenn ich sie nicht zu meinem Geburtstag einladen darf? 

Und das ist nur die offensichtlichste der Botschaften die sie ihren Kindern mitgegeben hat, die ich auch ganz offensiv zur Schau gestellt bekam. Begeben wi runs, kann sie super Schauspielern und ist die Freundlichkeit in Person, doch warum wird mit psydoargumenten verhindert, das ich nach ausdrücklichem Wunsch des Kindes nicht zum Geburtstag kommen kann, wenn sie sich doch so gut mit mir versteht? 

Vielleicht verstehe ich das auch alles falsch und interpretiere Gefühle ihrerseits hinein, die garnicht da sind. Das weiß ich nicht. Solche, für mich Konflikte, würde ich sehr, sehr gerne in Gesprochen klären wollen…doch entweder werde ich ausgeladen oder Mediationen und Gespräche werden abgelehnt. Die demnongate meiner Person, „die Neue“, wird immer wieder subtil und weniger subtil praktiziert. In Sätzen wie: „Du hast ir garnichts zu sagen, hat Mutti gesagt, weil du keine Kinder hast. Du hast keine Ahnung von Erziehung!“, weiß ich, dass es nicht erwünscht ist, dass ich auf nur irgendeinen erdenkliche Art und Weise auf die Kinder einwirken soll. Im Grunde hat Catlyn nur darauf gewartet dass ich mein Verhalten ändere und mich dem Anschein auf dem Rücken der Kinder ausgetragenen Machtkamp unterlegen zurückziehe. Das habe ich ja leider gemacht, anstatt über diese Hässlichkeit zu stehen, wurde mein persönlicher Mangel an Selbstwert so sehr getigert, dass mein inneres Kind eingeknickt ist. Könnt eich doch nur die Zeit zurück drehen und drüber stehen. Einfach so tun, als ob das alles nicht passiert wäre. Weiterhin mit den Kindern basteln und Spaß haben und wie nach dem Wogende drüber geredet wird, auch von den Kinder: egal! Ich habe ja zwei Ohren hat meine Oma immer gesagt, in eines geht es rein, ins andere wieder raus. 

Ich freue mich zurückgezogen zu haben…aber wie es so ist, ist das ganze Leben ein Lernprozess. Mit dem Wissen von heute, würd eich andere Entscheidungen treffen und mein jüngeres Ich umarmen, um ihm zu sagen, dass es wichtig ist, weiterhin so unbefangen wie möglich mit den Kindern umzugehen, auch wenn das Fass schon überläuft und das Maß der Dinge die gesagt werden voll ist. Ich würde mein jüngeres ch in seiner Verzweiflung umarmen und mir sagen, dass ich gut so bin, wie ich bin und dass ich das ganz toll mache mit den Kindern und dass kein Mensch perfekt ist. Ich würde mir die Erlaubnis zum Fehler machen geben und wäre stolz auf mich, dass ich versuche mein Verhalten immer wieder zu hinterfragen. 

Gerade durch die Kinder habe ich gemerkt, dass ich das autoritäre, kontrollsüchtige Verhalten meiner Eltern ungefragt wiederholen möchte und merke, wie ich mich dabei super unwohl fühle. Da es nicht meine eigenen Kinder sind, habe ich mich sehr gezügelt und führte innere Monologe sinnfreier Natur darüber, „dass das doch aber so sein habe“ *Fingerzeig*! Als Erwachsener-Ich merke ich dann, dass da was nicht stimmt und fange an zu hinterfragen: „Ja warum muss dass den jetzt eigentlich so?!“ „Weil man das so macht!“, antwortet mein inneres Kind. „Und warum macht man das so? Und wer ist dieser ominöse ‚man‘?“

Schweigen am anderen Ende. 

Ich vermisse die Mädchen. Auch wenn sie mich manchmal an meine Grenzen bringen, weil sie super viel streiten, so habe ich es auch genossen etwas mit ihnen zu unternehmen und mich selbst durch sie besser kennen zu lernen und durch sie zu lernen – zu lernen die Dinge zu hinterfragen, die meine Eltern einmal mit mir gemacht haben, die ich nun wiederholen würde, würde nicht meinen innere Stimme anspringen. 

Große Erwartungen

Niklas und ich sitzen im Auto. Wir haben uns am Abend spontan dazu entschlossen noch fix zum nächstgelegenen Einkaufszentrum zu fahren – Niklas überlegt einen Fernseher zu kaufen. Bisher haben wir auf einem Computermonitor Fernsehen geschaut. Nun möchte er den Monitor gern als zweiten Arbeitsmonitor einsetzen und in einen „richtigen“ Fernseher investieren. Wir fahren also und unterhalten uns, als mir plötzlich ein Gedankenimpuls kommt. Niklas fragt mich nach der Größe des Fernsehers und ich stelle mir die Wand vor, an dem er hängen soll. Da Niklas einen wesentlich größeren Fernseher haben möchte, da wir bisher auf einem 27 Zoll Monitor geschaut haben. Weil ich mir vorstelle, wie der neue, große Fernseher an der Wand hängt, höre ich innerlich die Stimme einer seiner Mädchen und ich zügele mich nicht in meinem Impuls und sage: „Na da kann ich mir vorbestellen was Gianna sagen wird, wenn Deine Kinder tatsächlich Gedenken in diesem Jahrhundert noch mal zu dir zu kommen.“ Niklas ist kurz still und fragt schließlich: „Was meinst Du?“

„Naja, ich erinnere mich daran, wie wir am Bahnhof standen und auf den Zug warteten und Gianna deinen neuen Rucksack entdeckte und sagte „Papa, du hast jedes Mal etwas Neues wenn wir dich besuchen“, gleichzeitig stand sie selbst in neuen Hosen da und hatte keine 5 Minuten zuvor erzählt, dass sie mit Mama shoppen waren, bevor wir sie abgeholt hatten. 

Niklas ist merklich angespannter: „ Weißt du, ich habe auch keine Lust jedes Mal wenn meine Kinder kommen 300€ pro Wochenende auszugeben.“ 

„Das verstehe ich. Das musst Du ja auch nicht.“

„Aber das wird doch vom mir erwartet!“

„Nein das glaube ich nicht. Ich glaube nicht dass deine Kinder von dir erwarten, dass du jedes Wochenende sonsterwas mit ihnen unternimmst. Ich glaube, dass sie eigentlich nur von dir gehört werden wollen. Dass das, was sie jedoch schließlich zu dir sagen, was sie angeblich wollen, einfach eine überhöhte Erwartungshaltung ist, die durch ihre Mutter verursacht wird, die diese überhöhten Erwartungen der Kinder, die diese instinktiv wahrnehmen, dann nicht ins rechte Licht rückt.“

„Wie meinst du das?“

„Wenn ich höre, dass verlangt wird, dass Du nur für Deine Mädchen dazusein hast, ‚Wenn sie denn schon mal bei dir sind‘, dann weiß ich, dass die Situation mit neuer Partnerin an Papas Seite nicht gut begleitet und betreut wird durch deine Ex-Frau. Sie könnte doch den Kindern auch sagen, dass Zärtlichkeiten und Zweisamkeit zu einer Partnerschaft für viele dazugehört. Stattdessen werden wir als „unreif“ bezeichnet, weil wir für die Zeit in der die Kinder da sind ‚nicht voneinander lassen können‘. Als hätten wir vor den Augen der Kinder Sex! Das ist doch absurd! Es ist doch vollkommen legitim, wenn wir uns beim Spazieren an die Hand nehmen oder streicheln, wenn wir fernsehen gucken.…“

Die Unterhaltung entwickelt sich wieder zu einer hitzigen Diskussion in absoluter Einigkeit, die zu keiner Lösung oder einem Ende führt, da diejenigen, mit denen wir eigentlich gern reden wollen würden, nicht mit uns reden. Das merken wir beide und lassen das Thema im Sande versiegen. 

Die Hilflosigkeit, die ich jedes Mal bei diesem Thema empfinde kennt keine Grenzen, denn ich sehe leider keine Lösung, die umsetzbar ist. Warum ist sie nicht Umsetzbar?

Mehrere Bitten um eine Mediation seitens Niklas wurden von seiner Ex-Frau als „nicht notwendig“ deklariert und damit wegeschoben. 

Ein ganzes Jahr lang ist Niklas hilfesuchend zu 4 verschiedenen Stellen gegangen, um sich in dieser Sache beraten zu lassen. Beim deutschen Roten Kreuz war er ein halbes Jahr lang 14-tägig im Gespräch. Auch die Beraterin die ihn dort betreute regte an, dass seine Ex-Frau zur gemeinsamen Beratung dazustoßen könnte. Vergebens. Catlyn hält es nicht für nötig an dieser verfahrenen Situation zu arbeiten, obwohl sie Niklas in einer E-Mail schrieb, dass es ihr schmerze zu sehen, wie Ihre Kinder unter der fehlenden Vaterfigur leiden würden. 

Das Engagement dass sie aufbringt, dieses Leiden zu mindern versetzt mich in Erstaunen. Wie kann ich jemandem vorhalten er hätte das Vertrauen seiner Kinder verwirkt und müsse es nun langsam wieder aufbauen, wenn er gleichzeitig seinen Kinder garnicht bekommt? Wie kann er Vertrauen aufbauen, wenn Erwartungen geschürt wurden, die seitens Niklas garnicht erfüllt werden können, da sie voraussetzen würden, dass er sein Leben so lebt müsste, wie es ihm seitens seiner Ex-Frau vorgeschrieben würde? Solange er nicht das macht, was von ihm erwartet wird, ist er ein schlechter Vater, der nur auf sein Geld schaut. Dann wird es als „ungerecht“ dargestellt, dass Papa eine neue Freundin hat, während Catlyn allein daheim sitzt. Es ist aber nicht ungerecht, wenn der Freund der Mutter mit am Geburtstagstisch sitzt (sie hatte für ein Jahr mal eine Beziehung), während die Freundin des Vaters ausgeladen wird, obwohl die Kinder wollten, dass ich eingeladen werde. DAS ist gerecht?

Wenn ich sehe, in welchen Maßstäben bei Catlyn gemessen wird, wird mir klar, dass Niklas und ich dort niemals hineinpassen werden. 

Diebe des starken Geschlechts

In der Reihe meiner feministischen Bücher, durch die ich mich in rasanter Geschwindigkeit durchlese darf natürlich auch nicht das aktuelle Buch von Leonie Schöler fehlen, die über „Beklaute Frauen“ schreibt. Da mir das Buch in der Onleihe leider nur als Hörbuch zur Verfügung stand, habe ich meinen Ohren den Genuss der bezaubernden Stimme von Felicity Grist und den Worten Schölers teilhaben lassen. Da dies nun bereits mein siebtes einschlägiges Buch zu diesem Thema ist, überschneiden sich so langsam, einige Teilgebiete. So kommt auch Sie auf den Male Gaze zu sprechen, der sich in den Meiden durchzieht und der auch für mich einen wichtigen Einfluss auf meinen Lebensverlauf nahm. 

Da ich mir keine Anstreichungen wie sonst in meinen gelesenen Büchern machen konnte, gehe ich hier nur auf die Dinge ein, die mir im Kopf geblieben sind, denn ich werde wohl nicht drum herum kommen, mir das Buch zu kaufen, um es mir schließlich doch durchzulesen, da ich eindeutig kein Hörbuchtyp bin. 

In einem der ersten Kapitel geht sie auf die Tradition ein, die mir vor allem durch amerikanische Filme vermittelt wurde: Der Brautvater übergibt die Braut dem Bräutigam am Altar. Auch ich wollte das unbedingt so zu meiner Hochzeit machen. Auch wenn ich ansonsten eher nicht so traditionell geheiratet habe, so wollte ich doch meinen Vater stolz machen und bat ihn, mich zu meinem Angetrauten zu begleiten. Das dies ein patriarchaler Ritus ist, las ich bereits in dem Buch „Das Ende der Ehe“ von Emilia Roig, dass ich leider noch nicht komplett gelesen habe, aufgrund der abgelaufenen Ausleihfrist. Da mir dieser historische Kontext nun bereits das zweite Mal begegnet wurde ich Aufmerksam und mir wurde wieder einmal klar, dass ich Bilder nachgeeifert hatte, die mir von klein auf an aufgezeigt wurden. 

Auch in dem Kapitel über das bestehende Bildungssystem und wie die vom Kultusministerium empfohlene Literatur Frauen und POC systematisch ausklammert und dass in Lehrbüchern Rassismus wiederholt und Frauen ungenannt bleiben, zeigte auf, dass wir in unser Gesellschaft bereits mit Scheuklappen erzogen werden. Statt auf Gemeinsamkeiten hinzuweisen, werden in Lehrbüchern vor allem Unterschiede herausgearbeitet, wie die GEW 2018 in einer Studie herausfand. Solche Rechercheergebnisse finde ich sehr, sehr spannend, da ich mich selbst in einem Verein engagiere, der eine „Bildungswende JETZT!“ fordert. 

Insgesamt zeigt Schöler in ihrem Buch auf, wie Frauen, trotz herausragender Arbeit immer wieder um  ihre verdiente Anerkennung betrogen werden – systematisch. Jedes Kapitel beleuchtet verschiedene gesellschaftliche Thematiken von der Wissenschaft bis zur Kunst und nennt Persönlichkeiten, die ich leider in meiner gesamten Lebenszeit nicht ein Mal vernommen habe. Dank Schöler und weiterer Autor:innen werden immer mehr Menschen in das Licht der Öffentlichkeit gestellt. Auf wenn dies nun meist postum gescheit, so bin ich dankbar über diese augenöffnenden Informationen. Ich bin froh zu sehen, wie divers unsere Welt eigentlich sein könnte, wenn wir alle unseren Horizont erweitern und alternativen sehen, die es eigentlich schon immer gab, die jedoch verschwiegen und kleingehalten wurden. Und ich schäme mich, wenn ich lese, was als Rassismus gewertet wird und ich mir bis dato nichts dabei gedacht habe, weil ich es schlicht nicht besser wusste. Unwissenheit schützt vor Strafe nicht und zeigt doch, gerade in Hinblick auf das Schulsystem, Literatur und Filme, wie sehr wir unser Miteinander überdenken sollten. Es zeigt mir, dass mein Motto: Kommunikation ist alles! Der absoluten Wahrheit entspricht und es wirklich wichtig ist, auf Augenhöhe miteinander in Kontakt zu kommen, sodass wir alle unsere Gesellschaft neu definieren können.

Eine klare Leseempfehlung von mir, der ich selbst auch noch nachkommen werde, denn im Grunde kann ich vor allem eine Hörempfehlung aussprechen, denn das Hörbuch ist nebst Akustik auch inhaltlich ein absoluter Mehrwert. In dieses Buch Zeit zu investieren lohnt sich aus meiner Sicht auf jeden Fall. Gerne mehr! Ich hoffe auf einen zweiten Teil liebe Frau Schöler!

Vaterfigur

Als ich noch klein war, habe ich meinen Vater vor allem am Wochenende gesehen. Er hat viel gearbeitet und kam erst spät nach hause, da war keine Zeit für viel Miteinander. Eine Beziehung, wie ich sie zu meiner Mutter hatte und habe konnte sich in dieser kurzen Zeit nicht aufbauen. Erst als ich aus dem Haus und erwachsen war, mein Vater in Rente, konnte ich eine tiefere Beziehung zu ihm aufbauen. Bei Autofahrten führten wir plötzlich Gespräche, wie ich sie in meiner Kindheit praktisch nie mit ihm geführt habe. 

Ich bin zum Glück kein Scheidungskind. Die Trennung der zwei wichtigsten Menschen in meinem Kinderleben musste ich nie verarbeiten und ich habe dadurch keinerlei Erfahrung, welch innere Zerrissenheit das in einer Kinderseele auslösen kann – ich kann es nur erahnen. Es muss absolut furchtbar sein, wenn Mutter und Vater sich so uneins sind, dass die Kinder genau dazwischen agieren müssen.  

Eines Tages trudelte eine E-Mail der Mutter der Kinder ins Haus. In der stand neben ganz vieler anderer Dinge, dass die Kinder unter der fehlenden Vaterfigur leiden würden und sie das jeden Tag aufs neue schmerzlich beobachten würde. Niklas ist in dieser Darstellung derjenige, der die alleinige Schuld daran trägt. 

Eine Beziehung und auch eine Familie sind keine Einbahnstraßen. In dieser Gleichung gibt es immer, immer, immer mindestens 2 Beteiligte. 

Es ist mittlerweile November – Monate sind seit dieser E-Mail vergangen. Niklas hat seine Kinder bis jetzt nur 7 Mal gesehen. Es heißt auf jede Nachfrage wann sie sich wiedersehen: „Die Kinder wollen nicht zu dir kommen.“ 

Ich habe ihm mehrere Anlaufstellen organisiert zu denen er gehen konnte, um sich beraten zu lassen. Jede Stelle schlug ein gemeinsames Gespräch mit der Mutter vor. Eine Wahnsinns Idee, auf die wir auch schon selber gekommen waren, stellt sich nur die Frage: WIE?!

Wie können wir ein Gespräch in gemeinsamer Runde führen, wenn Catlyn, die Mutter und Ex-Frau, keinerlei Verantwortung zu sich nimmt?! Nach mehreren Fragen und Bitten, um ein Mediationsgespräch kamen lediglich Antworten wie: „Du müsstest das machen!“ Oder „Ich habe keine Zeit für sowas!“ Die selbe ablehnende Reaktion hatte sie ihm schon angedeihen lassen, als er gegen Ende der Ehe ebenfalls vorschlug zur Paartherapie zu gehen. 

Schade nur, dass sie keine Zeit hat, den Kindern ihre fehlende Vaterrolle unter der sie laut ihrer eigenen Aussage so leiden wiederzugeben. Es liegen ganz offensichtlich schwere Konflikte auf der Beziehung, die nur zu lösen sind, in dem miteinander gesprochen wird. Da sie jedoch die Kinder hat, ist für sie alles in Ordnung. Wie kann sie dann jedoch auf der anderen Seite Vorhaltungen machen, dass er nicht da ist und gleichzeitig nichts dafür tun, dass sich das Verhältnis verbessert?!

Hilflosigkeit und Ratlosigkeit nun schon seit über 3 Jahren  – ich weiß nicht mehr weiter.

Nachdem sich herauskristallisiert hatte, dass die Kinder garnicht mehr kommen wollen, riet ich Niklas zum X-ten Male, er solle einen wöchentlichen Telefontermin mit ihr vereinbaren. Auf diese Weise wüsste er, was aktuelles bei den Kinder geschehe und des Weiteren könnte sich die Beziehung der beiden verbessern. Die ersten 3, 4 Wochen, nachdem er dies angeregt hatte erschienen recht erfolgreich. Doch es dauerte nicht lange und schnell war er wieder dabei hinterherzurennen. 

Ganz schnell kristallisierte sich heraus, dass nur er der Initiator dieses wöchentlichen Termins war. Abgemacht war der Dienstag Abend ab 20 Uhr – jede Woche. 

Schrieb er jedoch nicht bereits am Vormittag, ob der Termin heute klappe und rief er nicht an, so bleib der Hörer still. Und selbst wenn er schrieb und nachfragte, ob es mit dem Telefonat klappen würde, blieb die Frage unbeantwortet und Anrufe wurden nicht abgehoben. Keine Kontaktaufnahmeversuche ihrerseits. Kein „Heute passt es mir nicht, lass uns doch gerne morgen zu 18 Uhr telefonieren, wenn das für dich passt?“, keinerlei Reaktionen auf Mailboxnachrichten, in denen Niklas um ein Gespräch bat. Absolute Stille. 

Sieht so eine Mutter aus, die daran interessiert ist, das Leiden aufgrund der fehlenden Vaterfigur ihrer Kinder zu schmälern?

Nein. Ich würde es anders machen, wenn ich schon solch eine Aussage treffe. 

Was können wir tun? Wie können wir Konflikte lösen ohne miteinander reden zu können?! Wie kann die absolutistische Herrschaft Catlyns über die Kinder aufgehoben werden und wieder zu einem Miteinander unter den Eltern werden? 

Ich würde so gerne Lösungen finden, doch jede Lösung, die ich mir ersonnen habe führte zu nichts oder sogar schlimmeren. Ich weiß einfach nicht mehr weiter. 

Was ich gern mit Euch gemacht hätte…

Wenn ich unterwegs bin und Besorgungen mache, denke ich auch meistens an die Mädchen, weil ich ganz sicher etwas sehe, von dem ich denke, dass ich ihnen damit eine kleine Freude machen würde. So ging es mir auch einen Samstag, an dem die Kinder zu bei uns waren und ich meiner eigenen Termine nachging. Auf dem Weg nach Hause ging ich noch Einkaufen. Beim Bummeln durch die Gänge nahm ich einen kleinen innovativen Kuchen war, der in eine Tasse passte und per Mikrowelle innerhalb von 2 Minuten fertig wäre. Wir haben zwar keine Mikrowelle, so dachte ich, aber ich weiß, dass die Mädchen gerne backen. Bei all den Hausaufgaben bleibt kaum Zeit für Backprojekte. Doch gegen ein bisschen Backspaß dürfte nichts einzuwenden sein, schließlich verrät die Verpackung, dass auch die „Slowfood“-Variante per Backofen möglich wäre. Und so packte ich, in der Hoffnung, den Mädchen eine Freude zu machen, für jede einen Tassenkuchen ein, mit jeweils anderer Geschmacksrichtung. 

Zuhause angekommen, waren die drei in Hausaufgaben vertieft und so kam mein Geschenk zu kurz. 

Bis heute blieb der Kuchen ungebacken und das offenbarte sich mir sogar im abgelaufenen Haltbarkeitsdatum. Ich wünschte, wir hätte uns noch alle lieb…

Das hätte ich gerne mit euch gemacht. Ich hätte so gern diesen Minitassenkuchen zusammengerührt, denn es fehlten nur noch 40 ml Milch. Verpackungsinhalt nebst Milch zusammen in eine Tasse verrührt und ab in den Ofen. 30 Minuten später offenbart sich mir ein chemisch schmeckender Kuchen, der in Gesellschaft viel besser geschmeckt hätte und dann vielleicht noch mit einem Klecks Sahne verfeinert hätte werden können. 

Doch ich aß ihn allein. Und die Zeit mit Euch ist unwiederbringlich. 

Meine Hoffnung glimmt noch immer, dass wir eines Tages wieder zusammen Kuchen backen und essen werden. 

Ich hab Euch lieb. 

Altersunterschied

„Mutti hat gesagt, dass Du Papas Tochter sein könntest.“

Ich merke, wie es in mir zu Arbeiten beginnt… Sicher könnte ich es sein. Das ist ja ganz klar bei einem Altersunterschied von 22 Jahren. Natürlich kommt dann die verlassene Ex-Frau auf die Idee, mich auf diese Weise ganz unterschwellig vor den Kindern schlecht zu machen, ohne, dass die Kinder es merken. „Mama hat ja nur gesagt, dass Du die Tochter sein könntest.“ Vermeintlich ganz harmloser Satz. Aber ist er denn wirklich so harmlos? Impliziert er im Subtext nicht eigentlich etwas ganz anderes? Aber das können die Kinder mit 9 und 7 Jahren garnicht verstehen, denke ich so bei mir –  nichtsdestotrotz steigert sich meine Wut über diese beiläufige Aussage ins Unermessliche. 

Die Ironie daran ist, dass ich mich immer und immer wieder total gut in die Mutter der Kinder und Ex-Frau meines Freundes hineinversetzen kann. Auch ich wurde verlassen „für eine jüngere“. Nicht dass das bei mir eine große Rolle gespielt hätte…es waren damals nur 5 Jahre, aber schon das hat auch mich damals getriggert.

22 Jahre sind dann doch eine andere Hausnummer. Ich habe damals mit meinem Ex-Mann keine Kinder bekommen und kein Haus gebaut. Wir hatten nicht mal ein gemeinsames Konto, das wir genutzt haben. Bei uns ging es um nichts. Wir waren nur zwei sehr junge Menschen. Alexander, mein Ex-Mann, ist von unserem Bett, direkt in das Bett seiner Geliebten gehüpft. So ist das zwischen Niklas und mir nicht gewesen. Ich habe diese Ehe nicht zerstört, das haben die zwei ganz alleine hinbekommen, dazu brauchten sie mich nicht. 

Nachdem Niklas gegangen war, zog er in die Nähe seiner verlassenen Frau, um ihr unter die Arme greifen zu können, falls sie Hilfe mit den Kindern bräuchte. Und genau dort bin auch ich hingezogen. Es war ein Gebiet, das neu hochgezogen wurde. Sehr schöne moderne Architektur. Jede Wohnung hatte einen Balkon. Und von dort aus, konnte ich ihn auch sehen. Und ich sah ihn auch. Quasi vom ersten Tag an fiel er mir ins Auge. Ich ihm allerdings nicht. Meistens sah ich ihn allein, weshalb ich schlussfolgerte, dass er Single war. Manchmal nahm ich seine Mädchen wahr – ich hörte ihre Streits bis zu meinem Balkon auf der anderen Seite des Weges. Ich wusste also auch, dass er Kinder hat. 

Als ich ihm beim Einkaufen begegnete und ihm „Hallo!“ sagen wollte, merkte ich, dass er mich garnicht sah. Ich fiel ihm nicht auf, also unterließ ich weitere Begrüßungsversuche. Ein oder zwei Mal, sah ich auch eine Frau bei ihm. Wer jedoch ein guter Beobachter oder eine gute Beobachterin war, hätte auch hin und wieder einen Mann in meiner Wohnung sehen können und trotzdem war ich Single. 

Ein Jahr lang ging das so, dass ich ihn sah und hörte, er mich aber nicht. Ich kannte schon ganz genau das Tuten seines Fahrrads, wenn er es auf seinen Balkon stellte und die Alarmanlage aktivierte. Ich erkannte seine Schritte die zu mir hochhalten. Und dann kam Corona. Er hatte seine Mädchen von früh bis spät. Und endlich konnte ich mehr von ihm sehen, weil er nun viel mehr zuhause war. Meine Neugierde auf ihn wurde immer größer und größer und schließlich kam es zu zwei Blickkontakten, durch die ich merkte, dass er mich nun wahrnehmen würde. Ich schmiss ihm einen Zettel in den Briefkasten und fragte nach einem Treffen und wir kamen zusammen. 

Fakt ist, sie waren bereits über ein Jahr getrennt, als wir zusammenkamen. Fakt ist auch, dass sie mich kein bisschen kennt. Woher kommt also diese Abwertung? 

Wie sich bei unserem Kennenlernen herausstellte, hatte Niklas vor mir und nach der Mutter seiner Kinder bereits eine Beziehung. Er ging direkt nach der Trennung auf Datingapps und landete sofort einen Treffer. Nun so doll kann der Treffer nicht gewesen sein, da sie nur knapp ein Jahr liiert waren und er mit einigen Verletzungen aus der Beziehung kam, weswegen er die Entscheidung traf, ersteinmal abstinent zu bleiben – bis ich schließlich kam und ihm einen Zettel in den Briefkasten schmiss. 

Da ich keine Psychologin bin, kann ich nur auf meine eigene Lebenserfahrung zurückgreifen. Auch wenn meine Konstellation damals eine ganz andere war, als die, durch die ihre Ehe zu Ende ging, so kann ich mir diese herablassende Bemerkung so erklären: 

Ich habe damals sehr ähnlich Dinge gesagt und gedacht. Warum tat ich das? Ich war verletzt. Ich trauerte der Beziehung hinterher, auch wenn ich sie eigentlich selbst beenden wollte. Ich wollte mein Selbstwertgefühl aufrecht erhalten. Es ist ungeheuer verletzten, wenn Dir jemand sagt, dass er nicht mehr  mit Dir zusammen sein möchte. In meinem Falle war es noch einfach. In deren Fall war gemeinsam schon vieles aufgebaut und über ein Jahrzehnt Geschichte geschrieben worden. Das verbindet. So hätte ich jedenfalls gedacht. Wenn sich Dein Mann dann jedoch hinstellt und sagt, dass er geht – Schock. Ich wäre in einen Abgrund gefallen. Kein Kneifen hätte mich kurzerhand wieder zurück in die Realität bringen können. Es erfordert einiges an Mut sich diesem hinterlassenem Schwerbenhaufen zuzuwenden. Ich glaube jeder hat insgeheim eine Vorstellung davon, wie das eigene Leben aussehen soll. Und eine Trennung war ganz sicher nicht in ihrem Gedankengut. Das war es auch nicht in meinem. Auch wenn ich viel über eine Trennung nachdachte und auch sprach, so wäre ich diesen Schritt nicht gegangen. Ich habe, genauso wie seine Ex-Frau, Eltern, die bis heute zusammenleben. Die Vorstellung, man selbst würde in Scheidung leben war unvorstellbar. Ich fühlte mich damals auch wie eine Versagerin. Ich hatte es nicht geschafft, meinen Mann „zu halten“. Quatsch mit Soße, wenn Du mich heute fragen würdest – so fühlte ich jedoch damals. 

Ich habe Verständnis für Sie. Auch wenn ich nicht weiß, wie sie sich in Wahrheit gefühlt hat, so bringe ich einfach aus meinen Erfahrungen heraus Verständnis mit. Denn auch wenn ich nicht der Grund für die Trennung war, so weiß ich nicht, wie ich es gefunden hätte, wenn meine Kinder nun Umgang mit seiner neuen Partnerin pflegen. Ich kenne diesen Menschen nicht. Aber viel schlimmer als das, wäre es für mich, wenn ich noch nicht geheilt mit meinen Wunden hören muss, wie die Kinder davon erzählen, wie cool sie ist. Würde ich das hören wollen?! Nein. Ein ganz klares, deutliches, unmissverständliches NEIN!!!

Ich kann es verstehen, dass eine Seifenblase geplatzt ist. Niemand sitzt als kleines Mädchen oder Junge da und sagt sich: Also wenn ich mal groß bin, möchte ich mich Scheiden lassen! Das Leben ist kein Ponyhof und so prasseln am laufenden Band Dinge auf uns ein, die wir so, ganz gewiss nicht bestellt haben. Und doch, wäre es doch in solchen Momenten nicht klüger das Beste daraus zu machen? 

In meiner Wunschvorstellung, auf dem Ponyhof, haben wir uns alle lieb. Wir reden wertschätzend voneinander und respektieren einander. In meiner Wunschvorstellung werde ich zum Geburtstag eingeladen und wir sitzen alle an einem großen Tisch, schauen uns fröhlich und freundlich in die Augen und unterhalten uns über die Kinder. 

Meine Wunschvorstellung ist genauso geplatzt. Die zarte Seifenblase voller Hirngespinste hat PENG gemacht und ist in einzelnen Wassertröpfchen auf den harten Boden der Tatsachen gefallen. 

Ich bin nicht willkommen. Ich gehöre nicht dazu. Und als klasse Projektionsfläche, diene ich dazu der Sündenbock zu sein, der die Familie zerstört hat. Die Wahrheit ist jedoch, dass die zwei das ganz alleine waren und es auf dem Wunschponyhof erst garnicht zu einer Trennung gekommen wäre. Ich sehe hier nur keine Ponys, also muss ich wohl am falschen Ort sein. 

Von Männern und Design

Dank eines Lesetipps der durch die bezaubernde Künstlerin Rebekka Macht ausgesprochen wurde, kam ich zu dem Buch: Das Patriarchat der Dinge von Rebekka Endler. Das Buch, das darlegt, wie unsere Umwelt von Männern und für Männer gestaltet wird, reiht sich ganz hervorragend in meine Buchreihe ein, die sich um Frauen und deren Rolle drehen. Sie zeigt Probleme auf, von denen ich garnicht wusste, dass dort einseitig gedacht wird und nennt Erfinder:innen und Aktivist:innen, die sich dieses Problems angenommen haben.

Gleich zu Beginn greift die Autorin eine Aussage Sokrates’ auf, die meine Auffassung teilt: Wer in der Sprache nicht vorkommt, tut dies auch nicht im Bewusstsein. Die aktuellen Diskussionen über Gendern oder nicht Gendern im täglichen Sprachgebrauch polarisieren sehr stark. Ich selbst finde es zwar manchmal umständlich, meist jedoch leicht umsetzbar und dachte mir stehts genau dasselbe, was schon Sokrates zum Ausdruck brachte. Als gelernte Feng Shui Beraterin weiß ich, dass alles auf uns wirkt. Nicht nur Farben, Formen und Licht in der Raumgestaltung haben eine Wirkung sondern auch Bilder, Metaphern und Sprache ganz besonders. Um so wichtiger erscheint es mir, zumindest im deutschen (für andere Sprachen kann ich nicht sprechen) macht eine Formulierung der weiblichen und männlichen Ansprache Sinn. Durch die starke Präsenz der LGBTQIA+ habe ich mich jüngst sogar gefragt, ob es nicht noch einer 3. „freien“ Bezeichnung bedarf. Entweder, um wirklich alle Menschen neben männlichen und weiblichen anzusprechen oder sogar um diese Formulierung zu nutzen, um heutige Standards zu ersetzen. Das käme dadurch wieder einer Vereinfachung nahe und würde am Ende geschlechtsneutral und ethnienneutral alle Menschen ansprechen. Ich bin mir allerdings sicher, das eine solche sprachliche Überarbeitung immense Arbeit und vor allem Gegenwind nach sich ziehen würde. Lohnenswert? Ich denke ja, immerhin glaube ich – unabhängig von Sokrates – das Sprache sehr, sehr mächtig ist und Berge oder eben Geschlechter versetzen kann. 

In der Mitte des Buches musste ich sehr schmunzeln, nicht nur, dass sie Gilmore Girls liebte, eine Serie, die auch mich begleitete, sondern ihre Vorurteile Selfiesticknutzer:innen gegenüber ließen mich mich selbst ertappen. Die inneren Monologe und Vorbehalte, die sie beschriebt sind mir nur allzu bekannt, sodass sich in mir nicht nur Begeisterung für den Inhalt des Buches regte, sondern auch Sympathie und Verbundenheit. Dadurch, dass sie mich an ihren eigenen Gedanken teilhaben lässt, lässt sie als Autorin Nähe zu, da sie sich verletzlich zeigt.

Gegen Ende das Buches geht sie auch noch einmal auf die Diversität der Geschlechter ein, die in Europa sehr stark binär verankert und vorgeschrieben sind und berichtet vom Indonesiern der Vorkolonaialiserung, in der 5 Geschlechter unter der Ethnie der Bubis anerkannt waren. Leider führt sie mir dieses Beispiel nicht genau genug aus, sodas ich selbst zu recherchieren begann:

Mein erstes Ergebnis auf Wikipedia ergab folgendes: „Die Bugikultur kennt auch fünf verschiedene soziale Geschlechter. Diese fünf Geschlechter gelten als notwendig, um die Welt in Gleichgewicht und Harmonie zu halten. Dazu gehören Makkunrai (feminine Frau), Calabai (weiblicher Mann), Calalai (männliche Frau), Oroané (maskuliner Mann), und Bissu (letzteres verkörpert sowohl männliche als auch weibliche Energien (Hermaphrodit), verehrt als Schamane). Makkunrai und Oroané entsprechen dabei heterosexuellen Frauen und Männern, die sich jeweils ihren traditionellen Frauen- und Männerrollen gemäß verhalten. Calabai hingegen sind biologische Männer, die sich in Kleidung und Verhalten wie heterosexuelle Frauen benehmen, ohne jedoch körperliche Veränderungen an sich vornehmen zu lassen. Calalai sind biologische Frauen, die sich in Kleidung und Verhalten wie heterosexuelle Männer benehmen, ebenfalls ohne körperliche Veränderungen an sich vornehmen zu lassen. Alle Geschlechter werden als gegeben und natürlich betrachtet.“

Da habe ich wieder etwas gelernt und feststellen müssen, dass unsere kulturelle Prägung nicht die Krönung allen Lebens ist, sonder dass ich als Teil meines Kulturraumes eingebunden bin in ein Verständnis der Welt, wie sie nicht in jeder Kultur begriffen wird. So wie ich denke, dass die Welt funktioniert, muss es ein Mensch aus beispielsweise Indonesien nicht auch sehen. Dies ist eine erneute Anregung für mich gewesen offen zu sein, für andere Weltanschauungen. 

Insgesamt empfand ich das Buch sehr gut recherchiert. Dadurch dass sie beschreibt, dass sie mit Vertreter:innen aus den in jedem Kapitel beschrieben Bereichen gesprochen hat und sie auch Zitiert, macht es die einzelnen Themen um so greifbarer für mich. Es erhält eine Tiefe, die mich sehr gefesselt und an manchen Stellen auch fassungslos gemacht hat. Sehr gut fand ich Endlers Schlusswort, das darauf verweis, dass das Buch keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt, da die Liste an Beispielen für einseitig gedachtes Design und Umstände zahllos erweitern lassen. 

Was mir beim lesen der moderner feministischer Bücher und auch dieses Buches im speziellen auffällt, ist die Verbundenheit. Auch Endler widmet ihr letztes Kapitel die Betrachtung der Welt aus den Augen von behinderten Menschen, BiPoc, Schwarzen und queeren Menschen. Ich merke immer wieder, dass ich diese Betrachtung selbst bis vor kurzem nicht hatte und bin dankbar für das Wachrütteln. Ich sehe es als einen weiteren Punkt, den ich mir selbst zum Thema der gewaltfreien Kommunikation hinzudichte, dass ich die Wahrnehmung möglichst vieler verschiedener Standpunkte betrachte, egal wo ich herkomme, aussehe und lebe und sie für meine Empathie nutze. Ich gewinne dadurch den Eindruck, dass Wir als Menschheit näher zusammenrücken, gerade weil wir uns immer bewusster werden und einander sehen. Das ist es auch, was mich an dem Film Avatar so sehr fasziniert. Der Ausspruch der Navi „Ich sehe Dich“ geht für mich weit über das Sinnesorgan hinaus und ist genau das, was unser miteinander weiter vorantreiben wird. Ich wünsche mir und hoffe, dass noch mehr Menschen das Wort ergreifen und ihre Perspektiven darlegen, vor allem, wenn sie einer vermeintlichen „Minderheit“ angehören, die wahrscheinlich garkein ist, sondern einfach totgeschwiegen wurde über all die Jahrhunderte.

Ich bin sehr dankbar für diesen Lesetipp von Rebekka Macht, denn dieses Buch hat mein Weltbild und Wissen wieder ein Stück erweitert. Ich kann nun bestimmte Themen klarer umreißen und schneller Zusammenhänge herstellen. Ein Buch, dass jede:r gelesen haben sollte, der/die wissen möchte, warum manche Dinge so sind wie sie sind. Endler geht in ihrem Werk nämlich nicht nur darauf ein, dass manche Dinge schlichtweg einseitig designt worden sind, sondern setzt sie auch in einen humorvollen und leichtfüßigen historischen Kontext. Auf diese Weise wurde mir persönlich einiges klarer und ich konnte die hochkommende Wut, die mich beim Lesen bisweilen erfasste, in neue und bessere Bahnen leiten. Die kulturhistorische Einordnung fand ich sehr bemerkenswert, da sie die gewachsenen Strukturen gut erklärt. Nicht umsonst heißt es: Wer wissen möchte, was die Zukunft bringt, sollte in die Vergangenheit schauen.

Damit habe ich mein 15. Buch dieses Jahr gelesen und werde als nächstes meine Zeit in ein Hörbuch investieren, das ich in gedruckter Form bereits 5 Mal in der Hand hatte: „Beklaute Frauen“ von Leonie Schöler. 

Das wahre Gesicht zeigen

Manchmal sagen die Worte eines anderen Menschen mehr über diese Person aus, als das, was sie meinen über die andere Person festgestellt zu haben. So ging es mir neulich, als Niklas mir erzählte, seine Ex-Frau hätte gesagt, ich hätte mein wahres Gesicht gezeigt, nachdem ich mir „sicher war, ihn zu haben“. 

In so vielen Filmen wird einem eingeredet, die Ehe sei schlimm, ein Gefängnis und Männer würden nach dem Ja-Wort ihr wahres Gesicht zeigen. Auch meine Mutter trötete ins selbe Horn und erzählte mir Schauermärchen, von sich in 180 Grad drehenden Persönlichkeiten, nach der standesamtlichen Unterschrift. 

Niklas und ich sind nicht verheiratet. Nachdem wir beide jeweils bereits eine Ehe versemmelt haben, lassen wir es ruhig angehen. Immerhin haben wir unsere Hörner bereits abgestoßen und müssen es nichts und niemandem mehr beweisen, wie tief unsere Beziehung ist und wie ernst wir es meinen – das wissen wir auch so. 

Bevor ich auf die Sicherheit zu sprechen komme, die in meine Richtung phantasiert wird, frage ich mich grundsätzlich: Kann sich irgendwer einer Beziehung sicher sein? Wie viele Paare haben jemals zusammengefunden und wie viele sind davon längst wieder getrennt? Und wer denkt, eine Familienbande kann nichts erschüttern, der läuft Gefahr sich die Finger zu verbrennen. Denn auch die selben Gene veranlassen niemanden zueinander zu stehen. Wer kann sich also jemals eines anderen Menschen sicher sein?

Aus meiner Sicht bestehen menschliche Beziehungen aus einem gegenseitigen Geben und Nehmen. Indem ich mich an ungeschriebene und geschriebene sozial-kulturelle Regeln halte, kann ich dafür sorgen, innerhalb einer Gruppe von Menschen zugehörig zu sein. Ich kann nicht „wilde Sau“ spielen und erwarten, dass mich jeder frohen Herzens empfängt. 

Niklas wollte in Erfahrung bringen, wie der erste Schultag im neuen Schuljahr seiner Töchter gelaufen sei. Und statt eine liebevolle Unterhaltung mit seinen Töchtern führen zu können, kam von eine seiner Töchter Vorwürfe über Vorwürfe, bis zu dem Moment, an dem sie einfach auflegte. Stunden später führte er ein Gespräch mit der Mutter der Kinder und bekam zu hören, dass sie bitterlich geweint hätte und ihr gesagt hätte, sie, als Mutter, hätte ihnen einen beschissenen Vater ausgesucht. Es dauerte natürlich auch nicht mehr lange bis auch ich als Allzwecksündenböckin genannt wurde, mit den Vorwürfen, dass ich mein wahres Gesicht gezeigt hätte, als ich mir seiner sicher war. Das soll zu dem Zeitpunkt gewesen sein, als Niklas und ich zusammen nach Hamburg in seine Wohnung gezogen sind. Dass ich jedoch schon vor ihm auch das Haus meiner Oma bezog und wir nach, wie vor dem Umzug 2 Rückzugsorte hatten, wurde in der gesamten Rechnung außer Acht gelassen. 

Ich indes fragte mich: Was sagt dieser Gedankengang eigentlich über SIE aus? Ich für meinen Teil kann sagen, dass ich mir bis heute nicht herausnehme zu sagen, ich sei mir Niklas` sicher, wenn das bedeuten würde, dass ich mir alles leisten kann und trotzdem davon ausgehe er stünde immer brav hinter mir. Wenn ich etwas aus der Beziehung zu meinem Ex-Mann gelernt habe, dann, dass ich mich nie-niemals darauf ausruhen sollte, dass er mir gestern gesagt hat, dass er mich liebt. Ich kann mir zwar nicht vorstellen, dass er von jetzt auf gleich gehen würde, doch wie dumm wäre ich, wenn ich es mir vorsätzlich mit seinen Mädchen verscherzen würde, wo ich doch weiß, dass sie ein wichtiger Teil seines Lebens sind. 

Es stimmt, dass sich mit Umzug nach Hamburg einiges an meinem Verhalten geändert hat. Nachdem ich 2 Jahre lang wirklich maßgeblich dazu beigetragen habe, dass die Kinder bei ihm eine gute Zeit verbrachten, indem ich mit ihnen bastelte, backte, Inliner fuhr, nähte, häkelte, vorlas und auf diverse Klettergerüste geklettert war und im Nachhinein immer und immer wieder zu hören bekam, dass ich doch bitte zu gehen habe und hinter meinem Rücken als Bitch, blöde Kuh und anderes beschimpft wurde, war für mich der Ofen aus. Ich entschloss mein Verhalten zu ändern, auf den Wunsch der Kinder einzugehen und mich zurückzuziehen, frei nach dem Motto: Wenn ich schon beschuldigt werde scheiße zu sein, dann wenigstens, weil ich es verdient hatte. Von 2 Zimmer auf 4 Zimmer angewachsen, bot die Hamburger Wohnung die Möglichkeit des Ausweichens und Türen schließens. Ich zog mich also zurück, war doch stehts die Forderung der Mädchen, dass sie Papa ganz für sich haben wollen. Ja, nichts leichter als das, bei 4 Zimmer. Sie hatten ihn für sich, auch wenn ich anwesend war. Und schon bekam ich vorwürfe, die Beziehung hätte sich erkaltet. 

Wenn ich eins gelernt habe, dann, dass ich es einer verlassenen Ex-Frau NIEMALS recht machen kann. Ich versuche es auch nicht mehr. Es ist zwecklos. Das schlimme daran ist die Instrumentalisierung der Kinder. Die stehen zwischen Baum und Borke und müssen sich (un)bewusst bei zwei Streithähnen für eine Seite entscheiden. Da sie zu 90 % der Zeit bei der Mutter sind, ist klar, für welche Seite sie abstimmen würden, müssten sie es aufschreiben. Wenn ich meinem Kind erzähle, dass vor Papa noch ein anderer Mann gewesen sei, der auch ein guter Vater gewesen wäre, verwundert es dann, wenn das selbe Kind plötzlich weinend dasitzt und sagt, dass die Mutter ihr einen schlechten Vater ausgesucht hat? 

Ist es vielleicht SIE, die nach der Hochzeit mit Niklas nach zwei Jahren Beziehung anfing ihr wahres Gesicht zu zeigen, nachdem sie dachte ihn mit Trauschein, schwanger und neu gebautem Haus „sicher“ zu haben? Ich frage mich so oft, wo ich in die Gleichung passe? Ich merke immer und immer wieder, dass ich einfach eine sehr gute Projektionsfläche biete, für einen Konflikt, der eigentlich zwischen Niklas und seiner Ex-Frau aufgearbeitet werden sollte. Dann wären sowohl die Kinder als auch ich endlich aus der Schusslinie. Denn ich merke, dass all die Konflikte, die ich mit den Kindern habe, eigentlich Konflikte sind, die ich mit ihr zu haben scheine, weil ich der große Dorn bin. Ich bin da, wo sie sein wollte. Ich habe Zeit mit ihm, seine Aufmerksamkeit. Ich habe seine Zuneigung, unvergessliche Momente. Und sie ist nun allein im großen Haus. Allein mit der Gartenarbeit, allein mit dem Haushalt, allein mit der Kindererziehung, allein mit ihrem Bedürfnis nach Geborgenheit, Zärtlichkeit und Hilfe. Ich kann sie sehr gut verstehen in ihrer Wut, von der ich mir nur denken kann, dass sie sie hat, weil sie wie bei mir und vielen anderen auch zum Trauerprozess einer Trennung dazugehört. Nach 12 Jahren Beziehung darf man trauern, wütend sein und bedauern. 

Könnte ich die Zeit zurück drehen, würde ich versuchen weiterhin zu lächeln und den Kindern meine Zeit zu schenken mit Aktivitäten, die ich sowieso gern mit ihnen machen möchte. Ich würde gerne weiter lächeln und genauso schauspielern, wie es die Mädchen tun oder schauspielern sie garnicht, sondern mögen mich eigentlich doch, können das nur Mutti nicht sagen? Ich würde gern all das Gehörte wieder aus meinem Kopf löschen, um unbefangen weiterleben zu können. Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß. In dem Fall wäre das sehr hilfreich gewesen. Warum? Die Mädchen haben sich bei Mutti immer über Papa und mich beschwert, doch wenn sie bei uns waren, waren wir harmonisch, auch wenn der Wunsch, Papa für sich alleine zu haben da war und ich ihn verstehen konnte. Um so mehr riss es mir jedes Mal den Boden unter den Füßen weg, wenn 2 Tage nach der Übergabe zurück bei Mutti Nachrichten und sogar E-Mails von ihr kamen, wie traumatisiert die Kinder seien nach dem Wochenende. Offenbar lebe ich in einem Paralleluniversum. Ich bin eher traumatisiert, wie schlecht eine Trennung begleitet und unaufgearbeitet bleiben kann. 

Schwelende Konflikte

Seit über 4 Jahren bin ich nun mit Niklas zusammen. Ich liebe ihn noch immer mit loderndem Feuer und fühle mich bisweilen wie frisch verliebt am ersten Tag. Selbst die Themen mit seinen Kindern und seiner Ex-Frau halten mich nicht davon ab, das für ihn zu empfinden. Es gibt jedoch Tage, an denen diese Konflikte schwer wiegen und kleine dunkle Wolken um unsere siebte Wolke schweben lassen. 

Die Ironie dieser ganzen Konflikte ist die, dass sie nach wie vor nicht gelöst sind und erst heute wird mir das so richtig klar, auch wenn mich das nicht handlungsfähiger macht als zuvor. Nach einem Telefonat mit einer seiner Töchter, in dem es eskalierte, stellte sich in dem darauffolgenden Telefonat mit der Mutter der Kinder heraus, dass immer noch die Themen bei den Kindern aktuell sind, die schon teilweise 3 Jahre her sind. 

Wen wundert es?! 

Mich persönlich nicht, habe ich doch selbst den Eindruck immer noch in diesen Konflikten zu stecken und ich habe heute um so mehr verstanden, was uns in all unserem Zwist vereint: Wir sehnen uns nach einer Aussprache. 

Seit ich auf der Bildfläche im Leben der Kinder und der Ex-Frau existiere, kam es, wie in jeder menschlichen Verbindung zu Alltags- und Trennungskonflikten. Dass es für die Mädchen nicht supereinfach werden würde, mich an der Seite ihres Vaters zu akzeptieren war mir völlig klar und ich stellte mich darauf ein. Nichtsdestotrotz verstanden wir uns gut. Mit der Zeit wurden mir jedoch meist durch Niklas übermittelt Dinge gesagt, die mich mitnahmen – verletzten (Details werde ich wohldosiert mit der Zeit zu geschriebenem Wort verarbeiten). Auch ich habe eine emotionale Bindung zu den Kindern aufgebaut – habe Zeit, Gedanken und Emotionen in den Aufbau einer Beziehung zu den beiden investiert. 

Schließlich kam es zu etwas, das ich grundsätzlich begrüßte: Es wurde ein Familienrat einberufen. 

Der Haken an diesem Familienrat: Ich wurde aus der gesamten Rechnung ausgeklammert. Bereits vom ersten Tag an, wie ich erfuhr, dass Niklas zu einer Familiensitzung zitiert wurde und ich nicht, machte mir zu schaffen. Mir war sofort klar: Das kann nicht gut sein, wenn auch ich thematisiert werde, aber selbst garnicht zugegen bin. Welcher Konflikt wurde je auf diese Weise beigelegt?

Die erste Sitzung ist nun schätzungsweise 3 Jahre her und ich war bei keiner einzigen dabei. Das – für mich – perfide daran war, dass die 4 alles untereinander abgekaspert haben und danach in meiner Gegenwart heile Welt gespielt wurde. Ich jedoch steckte selbst noch in dem/den Konflikt/en. Für mich war absolut nichts geklärt, musste jedoch weiterhin lächeln und so tun, als wäre es für mich in Ordnung ausgeklammert zu werden. Ich bekomme nur durch Hörensagen von Niklas ein Resümee des Geschehenen. 

Nun sind wir über 4 Jahre zusammen und die ungelösten Konflikte, von denen ich dachte, dass nur ich sie nicht loslassen und in die ich mich leider immer wieder reinsteigern kann, würden nur mich betreffen. Jetzt merke ich, dass die – verzeiht an der Stelle meine bittere Ironie, und mir ist der Unterton den ich transportiere sehr wohl bewusste – „tolle Idee“ der Familienaussprache, die seine Ex-Frau hatte, nur halb so gut war, wie sie dachte. Denn weder den Kindern, noch Niklas, noch mir haben sie etwas gebracht – es ist eigentlich mit der Zeit nur schlimmer geworden. Wie hätte es auch anders sein können?! Mit Wut, Frust und Hilflosigkeit im Bauch, ist eben auch jede Begegnung am Ende ein Hürdenlauf. 

In dem Buch „Monopolygam“ von Georg Klaar ist vom „kleinen Ärger“ die Rede. Ich kann die Theorie um diesen kleinen Ärger als absolute Wahrheit unterschreiben. Zwist der nicht angesprochen und kein bisschen gelöst ist, führt dazu, dass sich das Fass immer mehr füllt und es am Ende schon bei absoluten Kleinigkeiten nicht nur überläuft, sondern sogar explodieren kann. Mir geht es jedenfalls so und bisweilen schäme ich mich auch dafür. Mein Fass mit den Kindern bzw. der Ex-Frau ist schon so überstrapaziert und gefühlte 8 Mal explodiert, dass ich richtig merke, wie Kleinigkeiten mich innerlich zur Weißglut bringen. Es reicht eine Geste und schon habe ich die Schnauze von den Kindern in meiner Gegenwart gestrichen voll. Und warum?! Weil die Konflikte ungelöst ganz tief in mir schlummern und mit passiver Aggressivität zumindest ein bisschen das Licht der Welt erblicken wollen.

Das sind die Momente, in denen ich mich schäme. Ich merke, wie eine Kleinigkeit ein willkommener Anlass zum Explodieren wird. Dann versuche ich mich zu zügeln. Ich fühle mich klein und kindisch. Ich merke, wie meine Selbstbeherrschung über mich lacht und mir zeigt, an welchen Stellen ich noch lernen kann mutiger Dinge einzufordern, von denen ich überzeugt bin. 

Ist der Zug schon abgefahren? 

Leider fühlt es sich für mich so an. Gleichzeitig fühle ich mich feige. Denke, dass ich selbst die Initiative ergreifen sollte, so eine Familiensitzung einzuberufen. Davor habe ich Angst – sehe ich doch, wie die Kinder ganz klar gegen Papa argumentieren und das mit einer Überzeugung, dass ich mich frage, woher sie diese Ansichten haben und so vehement vertreten.

Nach den ersten 2 Jahren vollen Einsatzes und Hingabe, die hinterm Rücken herabgewürdigt wurden, hatte ich mich dazu entschlossen den Kindern aus dem Weg zu gehen. Sie selbst forderten eindringlich jedes Mal, ich solle doch bitte nicht da sein, gleichzeitig wollten sie mit mir basteln und derlei Dinge. Nachdem ich mich ein Jahr lang zurückgezogen hatte, hieß es dann schließlich „Die Beziehung zwischen uns hätte sich erkaltet.“ Jahaaa, na sicher hat sie das. Wie sollte es auch anders sein?! Von mir wird Abwesenheit mit gleichzeitiger Anwesenheit verlangt. Auch wenn meine Leidenschaft für das Tanzen sehr groß ist, so habe ich es doch in all meiner Lebenszeit noch nicht gelernt auf zwei Hochzeiten gleichzeitig zu tanzen. Diese Ambivalenz der Kinder und auch der Ex-Frau zeigt mir, dass dort sehr viele ungelöste Konflikte schwellen und aufseiten der Kinder noch eine gehörige Portion Loyalitätskonflikte als Sahnehäubchen oben drauf. 

Und mir blutet dabei die Seele, denn ich hänge an den Momenten, in denen scheinbar alles in Ordnung war. Oft vermisse ich die Mädchen und stelle mir vor, was wir alles zusammen machen könnten. Ich fühle mich gelähmt – macht- und hilflos an der jetzigen Situation etwas ändern zu können. Könnte ich die Zeit zurückdrehen, würde ich einiges anders machen. Das Leben kann ich leider nur rückwärts und nicht vorwärts verstehen, deshalb muss ich es so nehmen, wie es jetzt ist. Eine Zwickmühle. Wie ich aus der wieder heraus komme, weiß ich allerdings NOCH nicht. 

Stiefmutterdasein

Sehr früh wusste ich: Ich möchte keine eigenen Kinder. Das hat viele verschiedene Gründe, auf die ich zu einem anderen Zeitpunkt eingehen werde. Mir schwirrt seit Wochen eine innere Unruhe durch die Glieder, denn ich weiß nicht, wie ich die gegenwärtige Situation finden soll. 

Als ich gut und gern das Alter hatte, selbst Kinder zu bekommen lehnte ich es strickt ab und redete mir Kinder sogar als lästig ein. Nachdem meine erste Ehe kaputt ging und ich wieder von vorn begann, hatte sich meine Einstellung zu Kindern so weit verändert, dass ich deren Gegenwart sehr schätze und sogar genoss, jedoch immer mit dem Wissen im Hinterkopf, dass es nicht meine Kinder waren und sie zum Zeitpunkt x wieder zu ihren Eltern zurückkehren würden. Ich hatte nicht die blöden Aufgaben zu erledigen wie Diskussionen über Müll rausbringen, Tisch decken und wieder abräumen, Abwaschen, Saugen, Hausaufgaben machen. Ich hatte die coolen Momente: gemeinsames Backen, Basteln, auf den Spielplatz gehen, Häkeln. 

Ich begann also mir zu wünschen, dass mein zukünftiger Mann bereits Kinder hat, an denen ich partizipieren könnte. Und schließlich war es auch so, dass ich mich in meinen Nachbarn verliebte, der Zwillingsmädchen „mitbrachte“. Ich freute mich und die ersten 2 Jahre vergingen eigentlich sehr harmonisch, doch es schlichen sich immer wieder harte Vorwürfe, Beleidigungen und Beschimpfungen ein, sodass ich mich irgendwann fragte, wozu ich mich eigentlich so viel bemühte. Ich hinterfragte mein Engagement das ich mit Beschäftigungen wie Handarbeiten, Basteln und Backen miteinbrachte. Ich zog mich total zurück und das Verhältnis wurde schlechter und schlechter. 

Schließlich ist es nun so weit, dass ich die Mädchen dieses Jahr nur 2 Mal gesehen habe und mein Freund und Vater der Mädchen hat sie 7 Mal gesehen. Es ist November. Und es arbeitet und rattert in mir. Ich suche dauernd die Schuld bei mir, doch wie könnte ich alleinige Schuld an all dem haben?! 

Wenn ich an die Anfänge denke, dann vermisse ich unser Zusammenleben. Ich vermisse es, mir neue Projekte auszudenken die ich mit den Mädchen machen könnte. Ich vermisse die gemeinsamen Filmabende. 

Und gleichzeitig merke ich, dass es das entspannteste Jahr ist, dass Niklas und ich haben, seit wir zusammen sind und ich frage mich, ob es daran liegt, dass wir die Mädchen nicht hatten? Es gab so oft so viel Streit, wenn sie da waren. Und wenn es keinen gab, dann gab es ihn spätestens, wenn sie wieder bei der Mutter waren. Plötzlich kamen lange E-Mails von ihr, was alles so richtig scheiße gelaufen ist an dem gemeinsamen Wochenende – dabei fragten wir die Mädchen zum Abschied nach Feedback und alles war in Ordnung gewesen, bei der Mutter dann jedoch plötzlich nicht mehr. Nervenaufreibend. 

Mir wird klar, dass ich mich in eine Vorstellung verliebt habe. Der Vorstellung von einem harmonischen patchlove-Leben. Und das es so wie zu Beginn nie wieder werden wird – letztendlich war es damals Burgfrieden und schon damals wurden die Samen für den heutigen Zustand gesät. Mir wird klar, dass ich die Vorstellung liebe, den Kindern etwas „mitgeben“ zu können. Ich frage mich, ob es egozentrisch ist, zu glauben den Kindern „etwas mitgeben“ zu können. Habe ich überhaupt das Recht dazu? Ist es anmaßend? Gleichzeitig können auch Lehrer, Großeltern, Freunde und völlig fremde Menschen für andere Menschen bedeutende Dinge machen, die ein Leben lang im Gedächtnis bleiben – Warum sollte dann ich als Stiefmutter nicht auch eine prägende Rolle einnehmen? 

Mir schmerzt die Brust, wenn ich bedenke, dass Niklas, als Vater, so abgestoßen wird, wobei ich ihn als Vaterfigur so bewundernswert finde. In mir ist ein letzter Hoffnungsschimmer der glimmt, wenn ich mich an der Vorstellung festklammere, dass die Kinder den Weg zu ihrem Vater zurückfinden, sobald sie ihrer eigenen Wege gehen werden. Raus von zu Hause. Weg von der Familie und hinaus in die Welt zu neuen Freunden, die mit anderen Sichtweisen Mauern einreißen werden, die die Sicht auf Vergangenes klarer werden lassen. Und dann weiß ich, wird Niklas da sein, wenn sie kommen. Er wird für seine Mädchen da sein. Und ich bin mir sehr sicher, dass sie froh und dankbar sein werden, ihn als Vater zu haben. 

Küssen verboten

Küssen wurde und wird in meinem Leben sehr groß geschrieben. Schon in meiner Kindheit gaben wir uns innerhalb der Familie ständig Küsschen. Es gab ein Guten-Morgen-Küsschen, ein Abschiedsküssen, ein Hallo-bin-wieder-da-Küsschen, ein Gute-Nacht-Küsschen und Gratulationsküsschen. 

Als ich mit Niklas zusammenkam und er mir seine Kinder vorstellte, war ich sehr erstaunt und positiv überrascht, dass sie sehr ähnliche Rituale haben und mich auch integrierten. Sie wollte mir unbedingt zu den selben Anlässen auf den Mund ein Küsschen geben. 

Das Endete. 

Wann endete es?

Der Tag der Scheidung stand an. Niklas war sehr aufgeregt und rannte an dem Tag vor dem Termin mehrmals auf die Toilette. Sein Darm spielte verrückt und zeigte ihm auch auf körperlicher Ebene, dass das ein besonderer Anlass war. Der Termin verlief relativ reibungslos, wenn auch nicht ganz ohne Ärger und damit war es nun amtlich – Er und seine Ex-Frau waren nun ganz offiziell und rechtskräftig geschieden. 

Da ich vor ihm schon eine Ehe in den Sand gesetzt hatte und den Prozess durchlaufen hatte, sagte ich ihm, dass ich an dem Tag gerne etwas besonderes machen wollte. Auch ich habe mir damals gesagt, dass das nicht alles an dem Tag gewesen sein kann – ich wollte diesen Tag nicht nur mit dem Scheidungstermin verbinden, sondern etwas besonderes daraus machen und so ging ich mit meiner Mutter schön essen. 

Niklas und ich entschieden uns zu einer Radtour und einem Picnic im Freien. Das Radfahren hatte uns von Anfang an verbunden. Wir wollten auch an diesem Tag einen Ausflug ins Grüne unternehmen, zur Feier des Tages, dass nun ein neuer Abschnitt in seinem Leben beginnen konnte. Der kürzeste Weg zu unserem Ausflugsziel führte jedoch an dem Haus seiner Ex-Frau vorbei. Den hatten wir nun schon sehr lange umfahren und so langsam vermisste ich den Weg, den ich bereits fast täglich fuhr, bevor ich Niklas kennen lernte. Seit ich ihn kannte jedoch mied. Nach kurzem abwägen, war ich mir sicher, dass sie nicht zuhause sein würde und die Scheidung ihrerseits ebenfalls feiern würde, bzw. zumindest den Rest des Tages mit ihren Eltern verbringen würde…dem war jedoch nicht so. 

Anders als erwartet war sie tatsächlich im Garten und mähte den Rasen während wir hofften ungesehen am Grundstück vorbeifahren zu können. Die Argusaugen der Kinder entdeckten ihren Papa jedoch postwendend und so waren wir gezwungen anzuhalten. Die Kinder rannten geschwind zum Zaun und wollten Papa und auch mir einen Begrüßungskuss geben. Es wurden kurze und knappe 3 Worte gewechselt und dann verabschiedeten wir uns wieder per Kuss. 

Monate nach diesem Tag redeten Niklas und sie in einem Klärungsspaziergang miteinander und sie vertraute ihm an, dass es ihr sehr wehgetan hatte, dass wir nun ausgerechnet an dem Tag, der ihr sehr schwer fiel, vorbeigefahren wären. 

Mich persönlich wunderte ihre Verletzung, konnte sie doch froh sein, ihn lossein, wo sie sich die letzten 3 Jahres ihrer Ehe nur noch stritten und sie den Eindruck hatte mit allem allein dazustehen. 

Was ich jedoch bereits vor dem Gespräch wusste, war, dass es ihr ein Dorn im Auge war, dass die Kinder mich liebten. Und so kamen die Kinder beim nächsten Papawochenende nach dem Scheidungstermin an und teilten mir mit, dass Mutti ihnen gesagt hätte, dass sie mich nicht mehr auf den Mund küssen sollten. Tamara tat es jedoch recht schnell wieder und auch Gianna verlor die Scheu mit der Zeit – die Information die sie jedoch von ihrer Mutter mit dieser Aufforderung nach den Zaunküssen erhalten hatten blieb wohl im Hinterkopf erhalten. 

Ich für meinen Teil wusste, woher der Wind wehte. Wie weh muss es tun, wenn der frisch gescheidene Mann mit seiner 22-Jahre jüngeren Freundin an meinem Grundstück vorbei radelt, auch noch meine Kinder angerannt kommen und dieser dämlichen K** auf den Mund küssen und ich wie bedröppelt mit meinem Rasenmäher dastehe. 

Mir wäre es wohl genauso gegangen.

Wäre ich jedoch an ihrer Stelle gewesen, hätte ich am Tag meiner Scheidung, dem ich mit Schmerz entgegen gesehen habe und den ich unter Schmerzen überstanden habe nicht hingestellt und Rasen gemäht. Nein. Ich hätte mir meine Kinder und meine Eltern geschnappt und wäre ins Restaurant gegangen oder hätte etwas anderes für mich positiv unvergessliches unternommen. Denn diese Selbstfürsorge habe ich mir zuteil werden lassen an meinem Scheidungstag, der für mich mit ebensolchen Schmerzen gespickt war. Ich machte mich hübsch – schon zum Scheidungstermin – und ging danach mit meiner Mutter zusammen in mein Lieblingsrestaurant. Ich wäre im Leben nicht auf die Idee gekommen Haushaltsarbeiten an dem Tag zu erledigen! 

Selbstfürsorge ist meiner Meinung nach ein Thema, dass sich jede Frau viel stärker auf die Fahne schreiben sollte, allen voran Mütter und pflegende Frauen. Bereits im Flugzeug wird gesagt, dass die Sauerstoffmaske erst sich selbst und dann den Kindern aufgesetzt werden soll. Und darin liegt die Botschaft, dass Du erst für Dein eigenes Wohl sorgen solltest, denn andernfalls kannst Du Dich nicht mehr um Deine Kinder kümmern – im Falle von Sauerstoffmangel bedeutet das im schlimmsten Falle sogar, dass die eigenen Kinder mutterlos werden. Das ist natürlich wie so oft im Leben wesentlich einfacher gesagt als getan. Doch ich bin der felsenfesten Überzeugung, dass es Wege gibt, sich auch als Mutter mehr Freiräume zu schaffen, als es viele Mütter derzeit tun. Ein großer Grund dafür sind zweifellos die gesellschaftlich geprägten Rollenbilder. Meine Hoffnung ist, dass es nächste Generationen hinbekommen, diese ins Wanken zu bringen und umdefinieren können, sodass auch Mütter mehr in die Selbstfürsorge kommen und damit entspanntere Mütter werden können, weil nicht mehr alle Verantwortung auf ihren Schultern ruht, sondern sie gleichmäßiger auf allen beteiligten Schultern verteilt wird. 

Gedanken die Luft brauchen

Lange habe ich hin und her überlegt. Darf ich das? Was könnten sie davon halten? Offenbare ich dadurch wie klein und unbeholfen ich sein kann?

Nach langem Grübeln und Zweifeln fühlte ich nur noch Ratlosigkeit und ich kam zu dem Schluss: Warum nicht?! Ich muss meinen ganzen Gedanken im Kopf Luft machen. In diesem Sommer habe ich zu dem vier weitere Lebensgeschichten gehört, die unseren sehr, sehr ähnlich sind und mir wurde klar, das was uns widerfährt, ist kein Einzelfall. Und weil das so ist, möchte ich darüber reden, schreiben um genau zu sein. Es kann sich nichts verändern, wenn niemand das ausspricht, was passiert. Jeder denkt, ‚das kann nicht wahr sein! Das glaubt mir keiner‘ und glaubt, ganz allein zu sein. Wenn niemand darüber redet wirkt es zwar so, in Wahrheit passieren genau die selben Geschichten jedoch auch in anderen Familien.

Diesen Blog möchte ich nicht nur dazu nutzen in Schieflage geratene Familien- und Beziehungsverhältnisse anzusprechen. Es soll auch Platz sein meine Gefühle auszudrücken. Ich ärgere, vermisse, zweifle und freue mich, kann es jedoch nicht mit den Menschen teilen, die die Emotionen auslösen. Ich hoffe, dass sie eines Tages mit Hilfe dieses Blogs Einblicke in meine Wahrnehmung der Dinge erhalten. Sie mag mit ihren kollidieren, doch dadurch, dass wir uns jetzt nicht darüber verständigen können, möchte ich jetzt endlich anfangen sie festzuhalten.

Die Situationen aus unserer Sicht zu beschreiben hätte ich schon viel, viel früher anfangen sollen niederzuschreiben. Doch da ich der Überzeugung bin, dass es noch sehr lange dauern wird, bis wir wirklich miteinander reden können, ist genau jetzt der richtige Zeitpunkt anzufangen, denn wie heißt es so schön: Es ist nie zu spät das Richtige zu tun. Und genau jetzt fühlt es sich richtig an.

Ich widme diesen Blog also meinen Stiefkindern, die ich lieb habe und vermisse. Ich hoffe, dass sich meine Hoffnungen auf ein gutes Verhältnis wie zu Beginn unseres Kennenlernens wieder möglich ist, sobald ihr erwachsen und von zu Hause ausgezogen seid – gerne auch früher. Bis dahin, mache ich mir meinen Gedanken hier Luft.